Bach komponierte die Kantate 1724 in Leipzig für das Fest Mariä Heimsuchung als die fünfte Kantate seines zweiten Jahreszyklus. Die vorgeschriebenen Lesungen für den Festtag waren Jes 11,1–5 LUT, die Verheißung des Messias, und Lk 1,39–56 LUT, der Besuch von Maria bei Elisabet, wo sie ihren Lobgesang anstimmt, das Magnificat. Ein unbekannter Dichter legte das Deutsche Magnificat seinem Text zugrunde und ergänzte es um die Doxologie, wie sie in Vespergottesdiensten die Gesänge abschließt. Bach benutzte nicht nur den Text des Magnificat, sondern auch dessen traditionellen 9. Psalmton des Gregorianischen Chorals, der in Leipzig in der Vesper regelmäßig im Satz von Johann Hermann Schein gesungen wurde. Der Dichter behielt einige Verse des Magnificat wörtlich bei, 46–48 für Satz 1, 54 für Satz 5, und die Doxologie für Satz 7. Er dichtete Vers 49 für Satz 2 um, 50–51 für Satz 3, 52–53 für Satz 4, und 55 für Satz 6, ergänzt um einen Hinweis auf die Geburt des Heilands.
Bach hatte bereits das lateinische Magnificat im Vorjahr gesetzt und es, angereichert mit vier weihnachtlichen Einlagesätzen, in der Weihnachtsvesper aufgeführt.[1]
Er führte die Kantate noch einmal in den 1740er-Jahren auf.
Aria (Sopran): Herr, der du stark und mächtig bist
Recitativo (Tenor): Des Höchsten Güt und Treu
Aria (Bass): Gewaltige stößt Gott vom Stuhl
Duetto (Alt, Tenor) e Choral: Er denket der Barmherzigkeit
Recitativo (Tenor): Was Gott den Vätern alter Zeiten
Choral: Lob und Preis sei Gott dem Vater
Musik
Der Eingangschor beginnt mit einer instrumentalen Einleitung, die vom Psalmton unabhängig ist. Die Violinen, verdoppelt von den Oboen, spielen im Trio mit dem Continuo, die Viola füllt die Harmonie. Die Choralphantasie ist vivace überschrieben, ihr Hauptmotiv steht für Freude und wird in aufsteigender Bewegung entwickelt.[1][2] Der Chor setzt nach zwölf Takten ein mit dem Cantus firmus im Sopran, von der Trompete verstärkt, während die tiefen Stimmen in freier Polyphonie Motive der Einleitung aufnehmen. Bach behandelt den zweiten Vers ähnlich, doch liegt nun der Cantus firmus im Alt, da der Text „Denn er hat seine elende Magd angesehen“ von der Niedrigkeit spricht.[2] Der Satz schließt mit einem Chorsatz ohne den Cantus firmus, eingebettet in die Musik der Einleitung, die damit den Satz rahmt.
Die Sopran-Arie ist ein Konzert der Stimme mit den Oboen, begleitet von den Streichern.[1] Das folgende Rezitativ leitet als Arioso zur Bass-Arie über, die nur vom Continuo begleitet wird. In Satz 5 kehrt der Text zum Deutschen Magnificat zurück, und in der Musik erklingt wieder der Psalmton, diesmal instrumental in den Oboen und der Trompete, während Alt und Tenor imitierend duettieren. Bach schrieb diesen Satz später um als einen seiner Schübler-Choräle, BWV 648. Das Rezitativ, das Gottes Verheißung an die Vorväter anspricht, beginnt secco, doch auf die Worte „Sein Same musste sich so sehr wie Sand am Meer und Stern am Firmament ausbreiten, der Heiland ward geboren“, setzen die Streicher ein und geben der Erfüllung der Verheißung Nachdruck. Im letzten Satz sind die beiden Verse der Doxologie vierstimmig auf den Psalmton gesetzt, von allen Instrumenten colla parte begleitet.
J.S. Bach: Cantatas for the Complete Liturgical Year Vol. 7.Sigiswald Kuijken, La Petite Bande, Siri Thornhill, Petra Noskaiova, Marcus Ullmann, Jan van der Crabben. Accent, 2007.
Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Kantaten: Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs. Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig; Carus-Verlag, Stuttgart 2006 (Edition Bach-Archiv Leipzig), ISBN 3-374-02390-8 (Evang. Verl.-Anst.), ISBN 3-89948-073-2 (Carus-Verlag).