Noll wuchs in der DDR als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll auf, dessen Mutter nach den Bestimmungen der Nürnberger Rassengesetze im Dritten Reich als „Halbjüdin“ galt. Über das Judentum und darüber, was es bedeutet, jüdisch zu sein, wusste er nach eigener Aussage in seiner Kindheit „fast nichts“.[1]
Er studierte zunächst von 1972 bis 1975 Mathematik in Jena und Ost-Berlin, anschließend Kunst und Kunstgeschichte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Durch die Einweisung in eine Nervenklinik entzog er sich 1980 der Einberufung zur NVA im November, worauf er nach insgesamt 9 Monaten Aufenthalt ausgemustert wurde.[2] Am 8. Mai 1984 siedelte er als Regimegegner nach West-Berlin über und arbeitete dort als Journalist.
Während des Zweiten Golfkrieges, als die deutsche Linke 1991 gegen die Politik der USA und Israels demonstrierte, änderte er seinen Vornamen. Um ein Zeichen zu setzen, nannte er sich von nun an Chaim statt Hans.[3]
Von 1992 bis 1995 lebte er in Rom und ging dann mit seiner Frau, der Malerin Sabine Kahane (Binah Kahana), nach Israel. Zunächst lebten sie in Midreshet Sde Boker in der Wüste Negev, dann in Be’er Scheva und in Meitar. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Noll unterrichtet[4] neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität in Be’er Scheva und reist regelmäßig zu Vorträgen und Lesungen nach Deutschland.
2021 hielt Chaim Noll bei der Bundesvereinigung Juden in der AfD e. V. einen Vortrag, in dem er das Engagement von Juden in der AfD ausdrücklich begrüßte.[6]
Damit wendet er sich gegen einen Aufruf des Zentralrats der Juden und 16 weiterer jüdischer Organisationen, die anlässlich der Gründung des Arbeitskreises vor der Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland durch die AfD warnen.[7]
Im September 2023 folgte er abermals einer Einladung der AfD zu einem Vortrag, diesmal in der Bundestagsfraktion.[8]
Tätigkeit als freier Autor
Seit seiner Übersiedlung nach West-Berlin veröffentlichte Noll als freier Autor u. a. in:
Er war Redaktionsmitglied und Autor des mit der Ausgabe 591 (Juli/August 2017) eingestellten Monatsmagazins Mut; seine Bücher werden u. a. im Berliner Verbrecher Verlag verlegt.
Rezeption
Im April 2019 wurde eine geplante Lesung Nolls in Leipzig von der veranstaltenden SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung kurzfristig abgesagt. Nachdem der Autor zunächst keine Begründung erhalten hatte, äußerte sich der Leiter des zuständigen Landesbüros, Matthias Eisel, gegenüber der Presse und begründete die Absage mit Nolls „criticism of Germany’s pro-Islamic regime policies“. Außerdem störe er sich an Nolls Mitarbeit beim Blog Die Achse des Guten, den er als „mindestens rechtspopulistisch“ bewertete. Der Direktor des Standorts Jerusalem des Simon Wiesenthal Centers, Efraim Zuroff, sprach von einem traurigen Tag für die deutsche Demokratie, denn die SPD „blacklists someone who does not agree with their foreign policy“.[11] Die Friedrich-Ebert-Stiftung bedauerte anschließend die mediale Debatte in einem Statement und unterstrich ihre von Solidarität geprägte Haltung gegenüber Israel.[12]
In einem Artikel in der Jüdischen Rundschau erklärte sich Noll Anfang 2021 als ausgesprochener Gegner der Anti-Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.[13]
Werke
Der Abschied. Journal meiner Ausreise aus der DDR. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1985 ISBN 978-3-455-08247-0
Russland, Sommer, Loreley: ein Deutscher in der Sowjetunion. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1986 ISBN 978-3-455-08647-8
Pegasus’ Sturzflug. In: Kontinent 12 (1986), H. 3, S. 77–84 ISSN0176-4179
Berliner Scharade. Roman, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1987 ISBN 978-3-455-01883-7
Der goldene Löffel. Roman, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1989 ISBN 3-421-06506-3
Nachtgedanken über Deutschland. Essays, Rowohlt Verlag, Reinbek 1992 ISBN 978-3-499-13120-2
Taube und Stern. Roma Hebraica – Eine Spurensuche. Hünfelden-Gnadenthal: Präsenz 1994 ISBN 3-87630-459-8
Die Wüste. Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen. Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig 2020, ISBN 978-3-37406-357-4.
Der Rufer aus der Wüste – Wie 16 Merkel-Jahre Deutschland ramponiert haben. Eine Ansage aus dem Exil in Israel. Achgut-Edition, Berlin, 2021, ISBN 978-3-98197-559-8.
Höre auf ihre Stimme. Die Bibel als Buch der Frauen. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig
Scharia und Smartphone : Texte zum zeitgenössischen Islam, Uhingen : Gerhard Hess Verlag, 2023, ISBN 978-3-87336-788-3
Mark Gelber: Noll, Chaim. In: Andreas B. Kilcher (Hrsg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02457-2, S. 391f.
↑Erstunterzeichner. In: idw-europe.org. 7. Januar 2020, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 6. Mai 2024; abgerufen am 25. September 2020 (deutsch).Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/idw-europe.org